Der Marktflecken
WARJASCH und seine Geschichte
Für
Banater ist Warjasch eigentlich keine Ortschaft, die man vorstellen muss.
Der Marktflecken ist fast
so bekannt wie das weitaus größere Perjamosch, in dessen südlicher
Nachbarschaft es sozusagen auf Sichtweite liegt. Auch die anderen Heidegemeinden,
die schon früh zu größerer Bedeutung kamen, wie Tschanad,
Lenauheim, Billed und Lowrin oder es gar zu Stadtrecht brachten wie Großsanktnikolaus
und Hatzfeld, können kaum einen größeren Bekanntheitsgrad
aufweisen.
Warjasch ist keine Neusiedlung
des 19. Jahrhunderts. Durch die späte Zusiedlung von Deutschen ( 1786
) gehört es zu den Dörfern, die unter Joseph dem Zweiten ihre
Neugründung erfuhren. Seine heutige Anlage, die immer wieder Neuankömmlinge
schon am Bahnhof beeindruckt, verdankt es einer Kameralorder der österreichischen
Verwaltung aus dem Jahre 1797. Aus einem Haufendorf wurde ein längliches
Viereck mit breiten, geraden Gassen, das auch jeder kommenden Verkehrsentwicklung
Raum bot. Die Trennung der Straßen nach Sprache und Religion brachte
es mit sich, dass man immer vom deutschen und serbischen Dorf sprach, obwohl
die Anlage und die Verwaltung immer einheitlich waren.
Seit Nikolaus
Engelmann, ein verdienstvoller Pädagoge, Schriftsteller und getreuer
Chronist des Banates, seiner Heimatgemeinde 1980 die erste umfangreiche
Monographie
( "Warjasch. Ein Heimatbuch")
schenkte, kann jeder, der mehr über den Ort erfahren will, zu dieser
sicheren und ergiebigen Quelle greifen. Zwei weitere Schriften, erschienen
1986 und 1987 erschienen - der Anlass war die Zweihundertjahrfeier der
Gemeinde, die in Altdorf bei Landshut abgehalten wurde, sowie ebenfalls
im Zeichen dieses Gedenktages stehenede Heimatortstreffen von 1987 in Augsburg
- ergänzen sinnvoller Weise das große Heimatbuch. Sowohl Hans
Tittenhofer ( 1986 ) als auch Nikolaus Engelmann ( 1987 ) haben in den
von ihnen herausgegebenen Heften Dokumente und Bildmaterial zusammengetragen,
das, angereichert durch zahlreiche Leihgaben vieler Warjascher, den Anstoß
zu einer ersten Videokassette gab, deren Kommentar ebenfalls vom Verfasser
des Heimatbuches stammt.
Erste Urkunden
Es ist bekannt,
dass das Gebiet zwischen Donau, Theiß und Marosch, das im Osten von
den Karpaten begrenzt wird, schon sehr früh besiedelt war. Nicht viele
aber wissen, dass manche Ortschaften urkundlich belegt sind, lange bevor
eine ganze Reihe der Städte Rumäniens in Dokumenten erwähnt
wurde. Dazu gehört auch Warjasch. Vor der rumänischen Schreibweise
"Varias" gab es bis 1919 natürlich die ungarische "Varjas". Nach der
Türkenherrschaft lautete die Bezeichnung auf den Karten "Varias",
dann auch "Wariasch" und "Wariosch". Die gebräuchliste deutsche Schreibweise
ist "Warjasch", wohl der deutschen Aussprache des Namens folgend. Sie ist
aus keiner der dort nachweislich gesprochenen Sprachen mit Sicherheit abzuleiten.
Auch Warjasch hat seine "Römerschanzen" und "Kumanenhügel". Aber
die relativ geringe Zahl von archäologischen Ausgrabungen im Banat
ermöglicht auch heute kaum eine sichere Zuordnung. Dass die Römer
im Banat waren, steht fest. Dass vor ihnen Thraker als Daker und Geten
da waren, weiß man auch.
Doch wer alles in der Völkerwanderungszeit
bis zur Gründung des ungarischen Reiches vor etwa einem Jahrtausend
dort lebte oder auch nach kurzem Aufenthalt weiter zog, ist nicht so sicher.
Gepiden und Awaren hatten es eine Zeit lang in ihrem Besitz; Kumanen und
Slawen kamen hinzu, überfielen die Viehzüchter und Ackerbauern.
Wieviel von der bodenständigen Bevölkerung übrig blieb,
weiß man nicht.
Das Königreich
Ungarn hatte in der Festung Temeswar einen der stärksten Vorposten
im Südosten seines Reiches, als die Türken eindrangen. Die Bevölkerung
im pannonischen Raum war schon damals recht gemischt, als die Türken
es in ihren Besitz brachten.
Wie aber sah
es auf dem Lande aus? Wenige Jahre nach der Rückeroberung des Banats
durch die Heere
Prinz Eugens ( von Savoyen ) waren in Warjasch
nur noch etwa 40 Häuser bewohnt. Viele Serben müssen vor allem
zwischen 1737 und 1747 zugezogen sein. 1781 bevor die ersten 50 deutschen
Familien angesiedelt wurden , soll der Ort über 3000 Einwohner gezählt
haben, wie Johann Heim in seiner vor hundert Jahren verfassten Monographie
zu berichten wusste. Wieviele davon Serben und wieviele Rumänen waren,
ist unsicher. Es liegt nahe, dass es noch vor der Neuanlage des Dorfes,
1797, bereits weniger Rumänen als Serben waren. Die österreichische
Verwaltung nannte die eingesessene Bevölkerung "Nationalisten", um
sie von den deutschen Siedlern zu unterscheiden, wobei nie mit Sicherheit
auszumachen war, ob es sich um Rumänen oder Serben handelte. Ebenso
ungenau war der Begriff "illyrisch". Inwieweit in den Akten des Wiener
Hofkammerarchivs mit illyrischer Bevölkerung des Banats Südslawen,
d.h. Kroaten, Slowenen und Serben gemeint sind oder ob auch die bodenständige
rumänische Bevölkerung mitgemeint ist, kann man schwer sagen.
Wenn es um den Nachweis geschichtlicher Existenz geht, beansprucht womöglich
jedes der genannten Völker den Begriff für sich. so geschah es,
als man Anfang der achtziger Jahre den 200. Jahrestag der ersten urkundlichen
Erwähnung einer Schule in Warjasch feierte. Auf einer Ausgabenliste
der österreichischen Verwaltung stand eine Summe für die "illyrische
Schule in Warjasch". Der rumänische Schuldirektor und die Behörden
setzten "illyrisch" mit rumänisch gleich, während die serbischen
Lehrer, auch wenn sie es nicht laut zu äußern wagten, es selbstverständlich
für serbisch hielten. Ein Blick in die große Monographie zeigt
uns, dass durch die Kameralordnung von 1797, elf Jahre nach der Zusiedlung
der ersten 50 deutschen Familien, bei der Verlegung und Neusausmessung
des Dorfes ein illyrisches und ein deutsches Dorf entstanden war. Die Trennung
erfolgte nach Straßen. Die Verwaltung war aber immer einheitlich.
So lebte man nebeneinander und doch auch miteinander. Im Rückblick
auf die vergangenen zwei Jahrhunderte kann man diese Entscheidung der Kameralverwaltung
nur als sehr weise bezeichnen. Sie sicherte auf die einfachste Art ein
fast reibungsloses Zusammenleben. Im "deutsche Dorf" gab es zuerst nur
zwei Straßen, die Kirchengasse und die Altgasse, zu denen 1831 noch
die Neue Gasse hinzukam. Gleich an die Kirchengasse, in Richtung Bahnhof
schloss sich die "Walachschgass" an, dann die serbischen Gassen. Die beiden
an der Hauptstraße stehenden Kirchen weisen heute noch auf die verschiedenen
Glaubensgemeinschaften hin.

Drei Volksgruppen
Die Unterscheidung
zwischen serbischen Gassen und einer rumänischen, wie sie unsere Vorfahren
machten, dürfte eigentlich ein Beweis dafür sein, dass mit "illyrisch"
sowohl rumänisch als auch serbisch gemeint sein konnte. Es steht auch
außer Zweifel, dass die "Walachschgass" früher von Rumänen
bewohnt wurde. 1945 lebten in der Mehrzahl der Häuser Deutsche, die
ihre Straße meist Mittelgasse nannten. Die übrigen Bewohner
galten als Serben, waren es aber nicht immer. Das Haufendorf, wie es in
einer Abbildung in der Monographie ( S. 31 ) ist, dürfte vor dem großen
Zuzug der Serben ( 1737 bis 1747 ), wahrscheinlich nur von Rumänen
bewohnt gewesen sein.

Warjasch als Haufendorf
auf einer in den Jahren 1769 - 1772 aufgenommenen Karte ( Kriegsarchiv
Wien )
Die starke Entvölkerung
während der Türkenzeit der in der offenen Ebene gelegenen Ortschaften
lässt sich leicht erklären. Den Viehzüchtern und Bauern
in Alt-Warjasch fehlten die Fluchtmöglichkeiten, wenn die Steuereintreiber
des Paschas kamen. Bis zu den Verstecken, die die Auwälder der Marosch
und Aranka oder die ausgedehnten Schilfgebiete versumpfter kleiner Wasserläufe
boten, war es zu weit. So kann vielleicht das Überleben von Ortschaften
mit rumänischer Bevölkerung wie Igris, Pesac, Munar oder Knees
erklären, während andererseits über die Heide hin, von Warjasch
bis Hatzfeld, das "Prädium", das Ödland, durch Abwanderung der
bodenständigen Bevölkerung entstand. Man darf nicht vergessen,
dass die türkischen Steuereintreiber sich auf den Koran berufen konnten,
der es ihnen erlaubte, von den "Ungläubigen" das Fünffache
von dem zu nehmen, was die gläubigen Türken zu entrichten hatten.
Unter diesen Umständen dürfte das Steuereintreiben oft einer
vollständigen Ausplünderung sehr nahe gekommen sein. So ist ist
es wohl zu erkkären, das 1717, als Graf Mercy die Verwaltung des Banats
übernahm , in der jahrhundertealten Siedlung nur noch 40 bewohnte
Häuser gezählt wurden. Der starke Zuzug von Serben dürfte
die ebenfalls orthodoxen Rumänen bald in die Minderheit abgedrängt
haben, so dass 1797 für sie eine Gasse ausreichte , während die
Serben drei und die frisch zugezogenen Deutschen zwei beanspruchen konnten.
Nach einigen Generationen sprachen die meisten Rumänen serbisch oder
nur noch serbisch. Erst der jungen Generration von Deutschen in der Mittelgasse,
die nach 1948 die Schule besuchte und durch den russischen Sprachunterricht
die kiryllischen Inschriften auf den vermeintlich serbischen Häusern
lesen konnte, fiel es auf, dass so manncher Name auf den Hausgiebeln nicht
serbisch war. Sie erkannten in Muntjan einen serbisierten Munteanu, in
Erdeljan einen leicht verwandelten Ardeleanu, währende Kirschan nur
die serbische Schreibweise des rumänischen Crisan war. Es fiel ihnen
auch auf, dass der langjährige Lehrer und Direktor der serbischen
Schule ebenfalls einen rumänischen Namen trug ( Carpinisan ).
Bis zum Herbst
1944 hatte das Zusammenleben von Deutschen und Serben kaum Trübungen
oder ernsten Zwist gekannt. Ob unter Kameralverwaltung oder als Pächter
und Erbpächter der Billeder Grundherrschaft unterstellt, ob beim Anlgegen
der Kanäle zur Entsumpfung weiter Teile der Felder ( 1847 ), die örtliche
Verwaltung muss immer verstanden haben, die Lasten möglichst gleich
zu verteilen. Ereignisse mit dramatischen Folgen, wie die Erschießung
von zwölf Serben durch Truppen der ungarischen Revolutionsarmee (
1848/49 ), waren nicht lokalen Ursprungs. Jahrzehntelang war der gewählte
Gemeinderichter abwechselnd mal ein Serbe, mal ein Deutscher. Änderungen
gab es in diesem Rhythmus nur während der Revolution von 1848/49
und während des Zweiten Weltkriegs. Aber selbst dann blieb der zweitwichtigste
Mann im Rathaus Serbe.
Eine größere
wirtschftliche Zusammenarbeit hat es in all den Jahren nicht gegeben. Zwischen
1920 und 1930, als die veränderten Wirtschaftsverhältnisse im
neuen Staat Großrumänien, dem der größere Teil des
Banats zugeschlagen worden war, Umstellungen erforderten, waren es zumeist
nur die Deutschen, die sie konsequent durchführten. Für die intensive
Viehzucht stand allen importiertes, hochwertiges Zuchtvieh in den Gemeindestallungen
zur Verfügung. Aber kaum eine serbische Wirtschaft beteiligte sich
ernsthaft an der durch die Gründung der Genossenschaft schon ab 1929
möglich gewordenen Milchverwertung, noch an der intensiven Schweinemast.
Doe großen Exportleistungen vor Kriegsbeginn beruhten zum Großteil
auf dem Mastbetrieb der deutschen Wirtschaften.
Eine Erklärung
für die geringen Fortschritte der serbischen landwirtschftlichen Betriebe
liegt sicher auch darin, dass die serbische Großfamilie auf dem Dorf,
ähnlich der rumänischen, pratriachalisch organisiert blieb. Der
Patriarch, der älteste Mann der Familie, hatte das Sagen bis zu seinem
Tod. Da der Mensch im Alter meist zu konservativem Verhalten neigt, blieb
man bie vielen Neuerungen zurück. Hinzu kam noch der Umstand, dass
man im deutschen Dorf viel besser für die immer stärker werdende
Mechanisierung gerüstet war: durch viel mehr Handwerksbetriebe und
gut ausgebildete Meister.
Moderne Landwirtschaft
Die deutschen
Wirtschaften hatten vor der Jahrhundertwende, als die durch das ungarische
Recht begünstigte Erbteilung möglich war, ihren Besitz sicher
ebenso oft aufge-
splittet wie die serbischen.
Sie hatten aber weitgehend das Abtreten der Wirtschaft an die erwachsnen
und verheirateten Kinder beibehalten. Das "In-den-Vorbehalt-Gehen", oder
ins Ausgedinge, wie es in manchen Gegenden Deutschlands heißt, war
ein gut funktionierendes Rentensystem, das manchmal auch Spannungen und
Generationskonflikte mit sich brachte, abe dennoch beachtliche Vorteile
für alle aufwies. Dadurch, dass der Altbauer den Hof abtrat, durfte
er nicht mehr entscheiden, nur noch mitreden bei Entscheidungen. Die jüngere
Generation, oft bereits mit besserer Schulbildung, war allem Neuen gegenüber
aufgeschlossener und auch risikofreudiger. Bei der Weiterbildung spielten
auch die Vereine, die Fachzeitugen und -zeitschriften keine geringe Rolle.
Auch darf der Umstand, dass die einzige gut funktionierende Ackerbauschule
( in Wojteg ) zu den Schulen mit deutscher Unterrrichtssprache gehörte,
nicht vernachlässigt werden. Nicht nur die Fachbücher, sondern
auch die meisten Maschinen und Geräte stammten aus Deutschland. Wenn
auch die Zahl derer, die nach der mittleren Reife die Ackerbauschule besuchten,
nicht groß war, so wirkte doch alles, was man gesehen, gehört
und gelernt hat, oft doppelt und dreifach weiter. Nicht wenige der Väter
von Ackerbauschülern griffen an langen Winterabenden zu den Fachbüchern
ihrer Söhne. So kam es, dass bereits Anfang der dreißiger Jahre
das wirtschaftliche Schwergewicht eindeutig im deutschen Teil der Gemeinde
zu suchen war.
Auch im Bevölkerungsanteil
hatte die deutsche Seite in den ersten hundert Jahren nach der Neugründung
sehr zugenommen.Wer sich die statistischen Zahlen der Jahrhundertwende
ansieht. kann leicht feststellen, dass die größte Bevölkerungszahl
des Ortes ( 5179 Einwohner ) fast genau mit dem höchsten Anteil an
deutscher Bevölkerung zusammenfällt: 2992, d.h. 57,7%. Die Abwanderung
nach Missernten und die erste Auswanderungswelle nach Amerika, die bald
darauf einsetzte, veränderten diese Zahlen ein wenig. Nur 1937, nach
einigen Jahren mit großem Geburtenüberschuss und einem weiteren
Rückgang der serbischen Bevölkerung, betrug der deutsche Anteil
59,48% ( 2598 von insgesamt 4367 Einwohnern). Bei der ersten Volkszählung
nach dem Krieg, 1948, war zwar die gesamte Bevölkerung des Ortes nur
um etwa 200 Personen angestiegen, aber es fehlten 805 Deutsche. Geflüchtet
war niemand, und trotz vollständiger Enteignung und Russlandverschleppung
gab es keinen, der sein Deutschtum geleugnet hätte. Es fehlten aber
die Toten des 2. Weltkrieges
( 96 ) und der Verschleppung
( 41 ). Es fehlten die meisten von all denen, die Krieg und Gefangenschaft
überlebt hatten. Sie waren wegen der mehr als unsicheren Verhältnisse
nicht mehr zurückgekehrt. Es fehlte an Kindern, denn seit Jahren gab
es kaum noch Eheschließungen. In der Statitik erscheinen zum ersten
Mal Hunderte von Rumänen ( 891 ) und 200 Ungarn. Viele von ihnen gehörten
zu den Familien, die das Dorf, d.h. die enteigneten Deutschen, nach 1945
hatten aufnehmen müssen: Flüchtlinge aus Bessarabien und der
Nordbukowina ( Rumänen und Ruthenen ), Makedonier, die man zuerst
an die Schwarzmeeküste gebracht hatte, usw. Was Zufall war und was
politische Berechnung bei den all den Drangsalierungen, die sich für
die Deutschen vielerorts daraus ergaben, wird man später vielleicht
erfahren, so wie man erst vor kurzem erfahren hat, dass es gleich nach
dem Krieg und der Verschleppung Pläne und Namenslisten gab, um Tausende
von Familien über das ganze Land zu verstreuen. So waren z.B. 1984
etwa zwanzig Familien aus der Moldau im Dorf eingetroffen, die die Häuser
der Aussiedler besetzen sollten, als diese noch nicht einmal ihre Pässe
bekommen hatten. Als die Gemeindeverwaltung sie einfach im frisch renovierten
Schulinternat unterbringen wollte, wiegerte sich der dafür zuständige
deutsche Schuldirektor, diese willkürliche Anordnung zu befolgen.
Er verwies auf den nachen Schulbeginn und auf die leeren Kassen, die ein
nochmaliges Tünchen nicht zuließen. Am nächsten Tag
wurde er wieder zum Bürgermeister zitiert, wo ihm "ein Genosse in
Zivil", der sich als Hauptmann des Sicherheitsdienstes auswies, eröffnete,
dass "die Aktion zur Repopulierung des Banats" unter der direkten Schirmherrschaft
des Staatspräsidenten stehe und es infolgedessen keine Weigerung geben
könne, alles was im Interesse dieser Aktion sei, sofort und kommentarlos
zu tun.
Warjascher
Blaskapelle in Hamburg um 1895/96
hier
klicken

Banater Trachten
um 1850 ( Bild oben ) und um 1900 ( unten ).

Anmerkung:
Auf dem Foto "Trachten aus
der Zeit um 1850" ist der Urenkel des Ansiedlers zu sehen: Ludwig Reb mit
Frau und Söhnen, der zugleich Altvater unseres Landmannes Reb Willi
ist.
Last der Geschichte
Es gab also doch recht eindeutige
Pläne. Zu den Warjascher Besonderheiten der Nachkriegszeit gehörte
auch das gestörte Verhältnis zum serbischen Dorf. Seit dem September
1944, den Tagen der Verschleppung und der Enteignung, gab es eine Reihe
von serbischen Bewohnern, die so tat, als könne man alles, was im
Krieg im Namen Deutschlands den Serben angetan worden war, an den Deutschen
rächen, mit denen man seit anderthalb Jahrhunderten friedlich zusammen
lebte. Es schien so, als ob sich niemand daran erinnern könne, dass
selbst in den Tagen großdeutscher Verblendung und Volksgruppenherrlichkeit
keinem Serben irgendein Unrecht von deutscher Seite geschah. Sie sahen
auch nicht oder wollten auch nicht sehen, dass der Krieg ungleich mehr
Opfer auf deutscher Seite gefordert hatte als auf serbischer. Die Zahl
der Toten durch Krieg und Verschleppung war auf deutscher Seite fast doppelt
so hoch wie im ersten Weltkrieg (137:78 ). Die Jahrgänge, die vom
Sommer 1941 an in der rumänsichen Armee im Fronteinsatz waren und
zum Teil auch noch im Frühjahr 1943 dort standen und so oft gar nicht
erst vor die Entscheidung gestellt wurden, in die deutsche Armee überzutreten,
ebenso wie die wenigen Unteroffiziere und Reserveoffiziere, hatten eigentlich
die größten Verluste.
Von knapp zwei Dutzend fielen
vierzehn. Nur fünf kehrten zurück. Drei von ihnen mit lebenslanger
Invalidät.
Sie alle hätten
bei der Enteignung im Frühjahr 1945 zu den Ausnahmen gehören
müssen. Doch in Warjasch gingen die Uhren anders. Zur Volksgruppe
gehörten alle, folglich wurden alle enteignet. Da in den seltensten
Fällen der Bodenbesitz bereits urkundlich auf den Namen des Sohnes
eingetragen war, enteignete man den Vater vollständig, um dann dem
Sohn, für treue Dienste in der rumänischen Armee, die für
landlose Bauern vorgesehenen fünf Hektar zuzuteilen. Man nahm also
erst einmal allen alles und gab den den wenigen wenig. Das war dann auch
eine gute Voraussetzung für die beabsichtigte Kollektivisierung: schwache
Einzelwirtschaften, der Viehstand der Deutschen zu etwa 80% vernichtet,
das Genossenschaftswesen tot.
Man hat den
Warjaschern manchmal Steitlust nachgesagt. Beispielle dafür gibt es
reichlich. Wie sie aber in schweren Zeiten allen Streit begruben und zusammenstanden,
daran sollte auch erinnert werden. So zum Beispiel, wie sie während
der Kämpfe im September 1944 von Haus zu Haus weitersagten, die Gartenzäune
zu öffnen, um den gefährdeten Mädchen und Frauen einen Wechsel
der Verstecke zu ermöglichen, und wie das klappte. Wie sie nach dem
Tod zweier Bewohner durch betrunkene Soldaten einmütig allen Schnaps
vergruben oder einfach in den Hof rinnen ließen. Und auch wie die
für die Verschleppung noch zu jungen oder zu alten Dorfbewohner im
Frühjahr 1945 die ganze über Winter auf dem Feld verbliebene
Maisernte einbrachten und alles bestellten, so dass die Ernte dieses Jahres
noch für eine Zeit, als sie ihrer Lebensgrundlagen beraubt waren,
über das Schlimmste hinweghelfen konnte. Es soll auch daran erinnert
werden, wie im "Baragan-Sommer" 1951 Siebzigjährige noch mähten,
um für 150 - 200 kg Weizen pro Joch den Neubauern und manchen Serben
die Ernte einbrachten, weil der Dauerregen keinen Einsatz von Maschinen
zuließ. Und auch wie die Drescher dafür sorgten, dass die Mäher
nicht um ihren Lohn gebracht wurden. Wie man im Baragan zusammenstand beim
Hausbau und in der Trinkwassernot, haben viele davon Betroffenen nicht
vergessen. Und auch nicht, wie die Zurückgebliebenen auf allen Wegen
versuchten, Kontakte aufzunehmen und zu helfen.
Als im Sommer
1990 manche rumänische Zeitungen nicht aufhören wollten zu Lamentieren,
weil für die Ernteeinbringung Arbeitskräfte fehlten, die Technik
alt und reparaturbedürftig und keine Kredite zu bekommen waren, wagte
es ein altgedienter Temeswarer Journalist im "Neuen Weg", daran zu erinnern,
dass man im Frühjahr 1945 nicht nur den Mais vom Vorjahr geerntet
hat, obwohl tausende der besten Arbeitskräfte fehlten udn ein Großteil
der Zugkräfte verschwunden war, sondern auch noch den ganzen verfügbaren
Boden bestellte. Man hatte damals allerdings nicht gejammert , sondern
angepackt.
Angepackt und
nicht gejammert hatten alle, die bis zur Baragan-Verschleppung als Taglöhner
beim Staatsgut, als Streckenarbeiter bei der Eisenbahn, als Drescher und
Pächter gearbeitet hatten. Sie waren sich einig, ohne viel Gerede,
die über 200 Drescher, als sie im Sommer 1947 tagelang die Arbeit
verweigerten, bis man ihnen wieder den Naturallohn zusagte statt Inflationsgeldes.
Sie waren sich auch einig, die Brigadeleiter und Taglöhner der Staatsfarm,
als amn in den sechziger Jahren Verträge abschloss, die gute Arbeit
besser vergüten sollten. Sie arbeiteten zuverlässig, die Traktorfahrer
und Tomatengärtner, als gute Arbeit sich wieder zu lohnen schien.
Wenn man aber nach einigen Jahren bescheidener Gewinne vom Vertragspartner
Staat plötzlich die versprochene Fünfzig-Prozent- Exportprämie
nicht mehr bekam, da war man sich auch schnell einig. Man baute lieber
Mais an im nächsten Jahr. Die Parteioberen, die die Streichung der
Prämie verfügt hatten, weil sie womöglich dachten, dass
die Leute zuviel verdienten und Zeit hätten, über manches nachzudenken,
brachten so selbst das Land um eine wichtige Deviseneinnahme. Den Planwirtschaftlern,
die allen alles zumuteten, wurde so eine Lektion in Rentatbilitätsrechnen
erteilt. Sie warren sich auch einig, als es Ende der sechziger Jahre darum
ging, ein neues Schulgebäude zu errichten. Einer der Bauarbeiter von
damals erinnerte sich noch unlängst in einem Gespräch daran,
wie Ingenieur Peter Ficker, längst im Rentenalter, Tag für Tag
an der Baustelle stand, um durch seinen Rat zu helfen, wenn irgend etwas
nicht so ging wie es sollte. Er hat weder Lob noch Dank für seine
Hilfe erwartet. Aber er dachte wohl wie alle Bauleute, die Lehrer und alle
Eltern: es ist für unsere Kinder.
Der Umbruch
Eltern und Lehrer
standen in schweren Jahren immer zusammen, wenn es um die Ausstattung der
Schule ging. Als den Schülern in kleinen Schulwerkstätten Grundkenntnisse
in Holz- und Metallverarbeitung vermittelt werden sollte, blieb das vielerorts
auf dem Papier. Nicht so in Warjasch. Die von der Schule angestellten Handwerker
waren nicht nur entscheidend bei der Selbstausstattung der Schule dabei,
sie vermittelten wirklich praktisches Wissen und handwerkliches Können
mit derselben Überzeugung wie die Lehrer der naturwissenschaftlichen
Fächerin ihren Labors und im schuleigenen Gewächshaus und Garten.
Sie alle wahrten eine Tradition, die weit ins vorige Jahrhundert zkurückweicht:
die kleine Gemeinschaft hate nicht nur immer für guten Nachwuchs in
der Landwirtschaft und im Gewerbe gesorgt. Ihre Volksschule hatte ständig
auch eine Vorbereitung für höhere Schulen gesichter. Beamte und
Offiziere, ein bekannter Komponist, Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte,
Ingenieure und Naturwissenschaftler, Pfarrer und Ordensschwestern, Lehrer
aller Stufen, vom Kindergarten bis zur Hochschule, hatten hier ihr erstes
Wissen erhalten. Wenn auch in den letzten zehn Jahren der Diktatur der
Anteil an deutschen Schülern und Lehrern immer kleiner wurde, sie
trugen nicht selten dazu bei, dass die Schule irhen guten Ruf erhalten
konnte bis zum Schluss, bis zur Selbstaufgabe der deutschen Abteilung 1990.
"Banatul e
fruncea" sagten und sagen die alteingessesen Rumäne des Banats voller
Stolz. Als während der siebziger Jahre der Diktator noch die Veröffentlichung
der Zahlen des Staatshaushalts erlaubte und immer wieder von einer Angleichung
der zurückgebliebenen Regionen als wirtschaftlichem und sozialem Ziel
redete, konnte man eine bestimmte Absicht leicht herauslesen: einige Kreise
in Siebenbürgen und im Banat hatte ein auffelend ausgeglichenes Einnahme-Ausgabe-Verhältnis.
Aus der Staatskasse bekamen sie nichts. Die Angleichung sollte wohl dadurch
schneller vorankommen, indem man die besser entwickelten Kreise bremste.
Doch das gelang nur zum Teil. Es gehörte auch zum Selbstverständnis
der Deutschen aus Warjasch, dass man sich immer möglichst weit vorne
fand: in der Wirtschaft, im Gesnossenschaftswesen, in der Schulbildung,
im kulturellen Bereich und selbst im Sport.
Die wenigen
Deutschen, die nach dem Dezember 1989 noch bleiben wollten oder mussten,
sind für einen Neuanfang im Ort nicht entscheidend. "Omul sfinteste
locul" ( Der Mensch heiligt den Ort ), sagt man im Rumänischen oft
bewundernd, wenn z.B. jemand etwas unter denkbar ungünstigten Umständen
durchsetzt. Die vielen neuen Bewohner von Warjasch, die asu allen Teilen
des Lnades koimmen, müssen sich keine Häuser bauen und keien
Brunnen bohren wie viele der alten Bewohner von Warjasch im Baragan. Es
ist alles vorhanden. Wenn der Ort wieder ein blühender Marktflecken
weden soll, vorbildlich in wirtschaftlicher Leistung, dann müssen
sie slebst zupacken. Jetzt fehlen noch viele zuverlässige Traktorfahrer
und Mechaniker, Handwerker, Landarbeiter und Tierzüchter, Brigadeleiter
und Ingenieure, Ärzte und Tierärzte, Buchhalter und Verwaltungsangestellte,
die alle dazu beigetragen hatten, dass das vormalige Staatsgut trotz dümmster
Gängelei von oben und nur zu oft dilettantischer Leitung mit seinen
Leistungen zur Landesspitze gehörte.
Wenn auch heute,
fünf Jahre nach dem Sturz der Diktatur, das glänzende Elend,
das sie hinterließ, von den Nachfolgern eher verwaltet als überwunden
wurde und vieles noch recht trostlos aussieht, sollten die alten und die
neuen Bewohner von Warjasch sich an die Devise erinnern lassen, die dort
immer galt: "Anpacke un net hinne finne losse." Sie gilt noch, so wie sie
für die gewesenen Warjascher in Deutschland, der alten neuen Heimat,
wieder galt.
Sie, die heutigen Bewohner
von Warjasch, haben hoffentlich nicht vergesen, dass dieser boden, trotz
ungünstiger gesetzlicher Voraussetzungen und allgemeinem Verwaltungswirrwarr
weit mehr zu bieten hat als nur Erdöl und Thermalwasser. Landwirtschaft
und Viehzucht, die Weiterverarbeitung und Vermarktung ihrer Produkte, örtliches
Gewerbe und Transport, alles muss wieder in Schwung gebracht werden. Dann
wird es sich zeigen, ob, umgekehrt zum rumänischen Sprichwort, der
Ort, ( selbstverständlich erst wenn alle Speckjäger udn Glücksritter
abgezogen sind, weil nichts mehr zu holen ist ), seine Bewohner zu dem
veranlasst, was vor Jahrzehnten den Wohlstand der Gemeinde begründet
hatte: gemeinsames überlegtes Handeln, Arbeit und Fleiß.
( Artikel " Warjasch"
in der Banater Post" Nr. 13/14 v. 10.Juli 1995, von Dr. Hans Müller,
gest. 28.07.1999 in Deutschland )
Die Gemeinde Warjasch wurde
bereits in der Serie „Banater Ortschaften stellen sich vor“, erschienen
in der Banater Post, von Prof. Dr. Hans Müller, im Allgemeinen vorgestellt.
Aus verschiedenen historischen
Quellen ist zu entnehmen, dass der Ort Warjasch kein Ansiedlungs-, sondern
ein Zusiedlungsdorf ist. Die Gemeinde Warjasch hat wahrscheinlich
eine über 2000 Jahre alte Geschichte. Hier lebten mit grosser Wahrscheinlichkeit
schon die Vorfahren der Rumänen, die Thraker, die Daker und die Geten.
Hier lebten auch seit Anfang des 2. Jahrhunderts die Römer. Auch die
fast 1000-jährige Völkerwanderung der Nomadenritter verschiedener
Volksstämme hat Warjasch überstanden. Die letzten waren mit Sicherheit
die Kumanen und die Ungaren. Wie aus der modernen Fassung „Die Geschichte
Rumäniens“ hervorgeht, erreichten die Mongolen und Tataren im 11.
und 12. Jahrhundert nur die natürliche Ostgrenze der Walachei und
sind somit nicht bis Warjasch vorgedrungen. Es sind heute noch Reste der
Römerschanz, der Awarenringe und der Kumanenhügel zu sehen.
Mit den Ungarn, allerdings
erst nachdem man ihnen die Grenze ihrer kriegerischen Eroberungs- und
Plünderungslust aufgezeigt
hatte, begann auch für Warjasch eine neue Geschichte. Im Jahre 1335,
ca. 200
Jahre nach dem Übergang
der Ungaren zum Christentum, wurde Varijas zum erstenmal urkundlich genannt.
Späterschrieb man Varjas und am Anfang des 18. Jahrhunderts stand
auf der Mercy-Karte Varias dann Wariasch, Wariosch und dann wieder Varias.
Heute ist die rumänische Fassung Varias und die deutsche Warjasch.
Etymologisch konnte man
die Herkunft des Ortsnamens nie dokumentieren. Bereits in dieser Zeit lebten
in Warjasch 3350 Einwohner. Eine Aufteilung nach den hier lebenden Nationen
ist nicht möglich. Die meisten waren Jäger, Fischer, Hirten und
wenige beschäftigten sich mit dem Ackerbau.
Die härteste Zeit in
der Geschichte des Banats und auch der Gemeinde Warjasch war die 160-jährige
Türkenherrschaft.
Im Jahr 1717 nach der Rückeroberung
durch Prinz Eugen von Savoyen standen in Warjasch noch 40 Häuser
mit einer unbestimmten Zahl von Einwohnern. In den Jahren 1737 bis 1747
fand eine grosse Zuwanderung von Rumänen und noch mehr von Serben
statt. Im Jahre 1781, nach einer Notiz vom gewesenen Schuldirektor Johann
Heim, zählte man 3346 Serben und Rumänen.
Warjasch war bereits vor
den ersten deutschen Siedlern der Kameral-Verwaltung unterstellt. Die Nationalisten
(Rumänen und Serben) haben sich in dieser Ordnung nicht wohl gefühlt
– viele flüchteten.
Das Dorf war eine Haufensiedlung
(Schwarmsiedlung) ohne jedwelches Konzept und befand sich im nordwestlichen
Teil der heutigen Gemeinde.
Man hat beschlossen die
neugewonnenen Gebiete ohne Rücksicht auf die Nationalisten mit Deutschen
zu besiedeln. So kamen im Jahre 1786 die ersten 50 deutschen Familien,
meist aus der Pfalz, Saarland und Lothringen. Lehrer Johann Heim schrieb
damals: „So feierte Warjasch seinen zweiten Geburtstag.“ Auch die ersten
50 deutschen Familien wurden in die Haufensiedlung integriert.
Die Haufensiedlung befand
sich auf sumpfigem Gebiet. Weil einer weiteren Ausdehnung somit Grenzen
gesetzt waren, verfügte die Kameral-Verwaltung im Jahre 1794 die Dorflage
und die Hausstellen neu auszumessen. Dies geschah im Jahre 1997. Durch
diese Maßnahme wurde auch die Trennung der Deutschen von den Nationalisten
vollzogen. Es entsteht das deutsche und das illyrische Dorf. Das Dorf hatte
zu dieser Zeit sechs etwa 1 km lange Gassen die von Ost nach West verliefen.
In der Mitte wurden sie von der ca. 30 m breiten „Hauptgasse“ durchgetrennt.
Die Hauptgasse ist heute etwa 1,5 km lang. Das deutsche Dorf bestand aus
der Kirchen- und der Altengasse. Das illyrische Dorf bestand aus der Wallaschgasse
sowie aus der zweiten, dritten und vierten Serbische Gasse.
In der Zeit von 1790 bis
1792 kam Warjasch als Tauschobjekt unter die Fittiche des Bistums Agram.
Danach wurde es wieder der Kameralverwaltung unterstellt.
Im Jahre 1792 kamen weitere
26 Familien aus den gleichen Gebieten wie bereits 1786. Es folgten weitere
Zusiedlungen aus verschiedenen Dörfern der Banater Heide wie Perjamosch,
Biled, Lenauheim, Großjetscha, Bogarosch u.a.. So entstand im Jahre
1830 die Neue Gasse. Im Jahre 1890 standen in Warjasch 727 Häuser.
Das deutsche Dorf entwickelte
sich viel schneller. Die Häuser der Rumänen aus der Wallaschgasse
mit ihrem ganzen Anwesen wurden mehr und mehr von den Deutschen aufgekauft,
bis die Gasse zu 95% deutsch war. Der Rest der Rumänen zog aus oder
wurde von den Serben integriert. An den Giebeln der serbischen Häusern
stand in kyrillischen Buchstaben die rumänischen Namen wie: Muntean,
Ardelean, Crisan oder Carpinisan (lange Jahre Direktor der serbischen Schule).
Im Jahre 1840 hatte Warjasch
4172 Einwohner. Davon waren 2260 Deutsche, 1912 Serben und keine Rumänen.
Im Jahre 1892 zählte Warjasch 5179 Einwohner: 2992 Deutsche und 2117
Serben. Im Jahre 1937 war es 4367 Einwohner und davon noch 1738 Deutsche.
Im Jahre 1977 lebten noch 1135 Deutsche in Warjasch.
In Warjasch wurde keine
spezifische Mundart gesprochen. Wie vieles Andere war auch die Sprache
eigenartig. Die ersten 76 Familien sprachen einen Mosel-Fränkischen-Dialekt.
Durch die vielen Zuwanderer aus fast allen Heidegemeinden bis im Jahre
1830 wurde dieser Dialekt ergänzt und bereichert.
Schule, Kirchen
und andere Gebäude
Bereits 1790 bestand im nordwestlichen
Teil der Alten Gasse ein Gebetshaus. Das Warjascher Kaplanat war drei Jahre
eine Filiale der Perjamoscher Pfarrei und dann selbständig. Im Jahre
1817 wurde das Pfarrhaus und im Jahre 1821 die Kirche erbaut. Mitte des
19. Jahrhunderts wurde die Kapelle mit den Kreuzstationen von der Familie
Zillich erbaut, später dann der Kalvarienberg. Es folgten mehrere
Pfarrer. Namentlich erwähnen möchte ich Pfarrer Lichtenberg,
der leider nur ein Jahr (1936) in Warjasch war. Sein Nachfolger war Pfarrer
Karl Hampel aus Deutsch-Perek, der von 1937-1961, ganze 24 Jahre, in Warjasch
war. Ebenfalls seit 1790 befand sich im südwestlichenTeil der Alten
Gasse ein Lehrraum. Die deutsche Volksschule wurde im Jahre 1823 errichtet.
Das Gemeimdehaus wurde 1858 und das Postamt 1867 erbaut. Die erste Bahnlinie
zwischen Warjasch und Perjamosch wurde 1888 eröffnet und im Jahre
1907 die Linie Warjasch-Temesvar.
Im Jahre 1929 wurde der
Kindergarten, im Jahre 1930 das Kriegerdenkmal und im Jahre 1938 das Deutsche
Haus erbaut. In dieser Zeit wurden noch andere bedeutende Gebäuden
in der Hauptgasse errichtet. Der Park neben dem deutschen Dorf mit seinen
30 m hohen Pappelbäumen war lange Zeit neben den beiden Kirchtürmen
das Wahrzeichen von Warjasch, ehe die Kommunisten ihn vernichteten.
Die Wirtschaft
Ende des 19. Jahrhunderts
und Anfang des 20. Jahrhunders entwickelte sich die Landwirtschaft explosiv.
Die Gesamtfläche auf dem Gemark Warjasch betrug ca. 12.000 Joch. Davon
waren ca. 10.000 Joch Ackerland. Auf mehr als 50% der Fläche wurde
Mais angebaut. Die jährliche Produktion von über 5.000 Tonnen
wurde in Warjasch zu 100% in der Schweinemast verwendet. Das Laub wurde
in der Rinderzucht und die Stengel und Kolben als Brennmaterial genutzt.
An zweiter Stelle folgte
der Winterweizen mit einer Produktion von 3.500-4.000 kg/ha. Es folgte
die Wintergerste mit ca. 4.000 kg/ha. Weitere Feldkulturen waren Hafer,
Roggen, Zuckerrüben, Futterrüben und Klee. Der Wein-(176 Joch)
und Obstanbau hatten ein untergeordnete Bedeutung. Ein Großteil der
Ernte wurde als Futter in der Viehzucht verwendet.
Später wurde Hanf für
die Bileder Hanffabrik gebaut. Auch der Kartoffelbau entwickelte sich während
den Kriegsjahren. So lieferte man im Jahre 1943 260 Wagon Kartoffel an
die deutsche Wehrmacht und eine große Menge wurde zusätzlich
als Futter genutzt.
Warjasch exportierte jährlich
bis zu 20.000 Mastschweine mit einem Durchschnittsgewicht von 150 kg. Täglich
wurden bis zu 3.000 l Milch an die Milchgenossenschaft geliefert. Neben
der Rinderzucht und der Schweinemast wurden auch Pferde gezüchtet.
Der Fortschritt in der Landwirtschaft
kam mit der Mechanisierung. Es wurden Mehrscharenpflüge,
Sähmaschinen, Erntemaschinen,
Dreschmaschinen und Traktoren vorwiegend aus Deutschland angeschafft. Der
erste Traktor kam nach dem 1. Weltkrieg. In den Jahren vor der Enteignung
waren in Warjasch 60 Traktoren.
Die rasche Entwicklung der
Landwirtschaft und der Viehzucht zog die Entwicklung eines starken Dienstleistungsektors
mit allen nötigen Handwerkern nach sich. So waren im deutschen Dorf
zwischen 1920 und 1940 5 Gasthäuser, 5 Fleischbänke, 3 Würstler,
3 Bäcker, 2 Zuckerbäcker, 5 Schmiede, 4 Wagner, 13 Maurer, Zimmerleute
und Spengler, 4 Schneider, 5 Schuhmacher, 6 Tischler, 1 Faßbinder,
1 Sattler, 3 Seiler,2 Rasierstuben und 3 Zimmermaler.
Im Jahre 1797 standen in
Warjasch 2 Rossmühlen. Im Jahre 1880 waren es bereits 8. Diese wurden
so langsam von Dampfmühlen abgelößt. Im Jahre 1883 wurde
die große Windmühle gebaut und im Jahre 1950 wurde sie abgetragen.
Es folgen die Motormühlen. Warjasch hatte 2 Weizen- Motormühlen
und mehrere Motor-lohnschröter. Im Jahre 1890 kam es zur Errichtung
einer Ziegelei.
Neben dem Großhandel
mit Getreide, Schweinen, Milch und Milchprodukten, gab es in Warjasch bis
im Jahre 1945 ca. 10 bis 12 Läden mit Kurz- und Schnittwaren, Eisenwaren,
Süssigkeiten sowie Leder- und Schuhwaren.
Ende des 19. Jahrhunderts
lebten in Warjasch 36 Juden. Diese waren hauptsächlich im Großhandel
tätig.
In Warjasch gab es sechs
Geldinstitute. Im Jahre 1876 wurde der „ Spar- und Selbsthilfeverein “
gegründet. Im Jahre 1891 wurde die „Warjascher Landwirtschaftliche
Bank AG “ gegründet. 1895 folgte die „ Volksbank AG “ und 1896 die
„ Erste Warjascher Sparkassa AG “. An dieser Stelle muß noch von
zwei weiteren Banken gesprochen werden, nämlich dem „ Bankgeschäft
Peter Steinhard “ und der „ Serbischen Kreditgenossenschaft “.
Genossenschaften
und Vereine
Der Gedanke der Selbsthilfe
wurde von den Warjaschern ganz früh aufgegriffen. In den Jahren 1897
bis 1899 wurde die Milchgenossenschaft ins Leben gerufen. Nach der Weltwirtschaftskrise
wurde diese Genossenschaft in Warjasch im Jahre 1930 neu gegründet.
Ihr erster Vorsitzender war Hans Anton. Das Warjascher Beispiel erweckte
auch in anderen Gemeinden Interesse. So kam es 1931 zur Gründung der
“ Landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft
“. Erster Vorsteher Hans Anton. Während der Aufbau-
Arbeit kam es zu Streitigkeiten.
Deshalb wurde in Warjasch im Jahre 1933 unter dem Vorsitz von Peter Anton
und Johann Beitz die “ Erzeuger Landwirtschafts Genossenschaft “
gegründet. Ebenfalls wegen diesem Streit kam es 1936 zur Gründung
der “ Banater Agraria “. Vorsteher war Peter Anton.
Ganz im Gegensatz
zu den Genossenschaften, die ausschließlich einen wirtschaftlichen
Charakter hatten, waren es die Vereine, die das politische und kulturelle
Leben voran brachten. Der älteste Verein ist der “Schützenverein”.
Im Jahre 1880 wurde der Männergesangsverein “Harmonie” gegründet.
Dieser stand unter der Leitung der Lehrerfamilie Huber. Der Chor schloss
sich 1922 dem Bund Banater Sänger an. Eine große Bedeutung hatte
die Gründung des “Südungarischen Landwirtschaftlichen Vereins”.
Der Ortsverband wurde in Warjasch im Jahre 1894 gegründet. Ihr letzter
Obmann war Peter Anton. Unter seiner Leitung fand im Jahre 1937 der grosse
“Bauern-und Jugendtag” in Warjasch statt. Im Jahre 1899 kamen der “Meisterverein”
und der “Bürger-Leserverein” hinzu. Im Jahre 1920 bestanden in Warjasch
zwei “Leichenbestattungsvereine”. Im Jahre 1922 wurde der erste Jungendverein
gegründet. Dieser hatte sich die politische, berufliche und nationale
Gesinnungsbildung als Ziel gesetzt. Im Jahre 1924 kam es zur Gründung
des Sportvereins und des Gesellenvereins. Im Jahre 1927 wurde der Ortsverband
des Vereins der “Banater Deutschen Frauen” ins Leben gerufen. Im Jahre
1928 war die Geburtsstunde des “Sozialdemokratischen Vereins”. Und 1934
kam als letzter Verein der “Mädchenkranz” hinzu. Ein gemeinnütziger
Verein im Dienste der Dorfgemeinschaft war die “Freiwillige Feuerwehr”.
Sie bestand seit 1876.
Neben den kulturellen und
wirtschaflichen Tätigkeiten, war auch das politische Leben in Warjasch
sehr ausgeprägt. Schließlich war es kein Anderer als der Warjascher
Anton Anton, der als Vertreter des Banater Landes im Jahre 1918 in Hermannstadt,
in Anwesenheit des Finanzministers Vlad, als Vertreter der rümänischen
Regierung, die Beitrittserklärung des freien nationalen Volkes zu
Grossrumänien verlas.
Nach dem 1. Weltkrieg, in
dem 78 junge Warjascher Männer sterben mussten, kam der Anschluss
an Rumänien. In den nächsten drei Jahrzehnten erlebte Warjasch
seine größte Blütezeit.
Es kam der zweite Weltkrieg.
276 Soldaten zogen ins Feld, 76 kamen nicht wieder.
Es folgte die Deportation
nach Russland im Jahre 1945. 369 junge Menschen (166 Frauen und 203 Männer)
wurden nach Russland gebracht. 41 von ihnen starben den Hunger- und Kältetod.
Im Sommer 1951 folgte die
Zwangsumsiedlung in die Baragansteppe. Die Warjascher (ca. 100 Familien)
wurden unter polizeilichem Gewahr in Perieti - Fundata, Fetesti - Valea
Viilor und Marculesti - Viisoara angesiedelt. Dank politischem Druck von
Außen wurde 1955 der Zwangsaufenthalt aufgehoben.
Bereits im Jahre 1945 wurde
das ganze Feld (ca. 3460 ha waren in deutschem Besitz) und der ganze Maschinenpark
enteignet und im Jahre 1950 die Landwirtschaftliche Genossenschaft (“Kollektiv”)
gegründet. Dem Fleiss und der gewissenhaften Arbeit der Warjascher
ist es zu verdanken, dass das Staatsgut im kommunistischen Rumänien
als fährend ausgezeichnet wurde.
Über die Tätigkeit
der Generationen, vom Zeitpunkt der vollständigen Enteignung bis zur
totalen Aussiedlung, in den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Sport wurde
bisher sehr wenig geschrieben und berichtet. Gerade in dieser Epoche findet
unter der Leitung von Oberstudienrat Hans Tittenhofer das grösste
Trachtenfest des Banats in Warjasch statt.
Wie schon in der Vergangenheit,
schlugen auch diesmal die Uhren in Warjasch anders. Nach dem Verlust des
gesamten Vermögens drohte der Verlust der Freiheit, der Selbstbestimmung
und der Identität als Volksstamm. Die immer stärker werdende
Kolonisierung - im Jahre 1948 waren es bereits 891 Rumänen -
und die vielen Schikanen haben die Warjascher früher als in anderen
Gemeinden zur Aussiedlung getrieben. Bereits im Jahre 1957, im Wege der
Familienzusammenführung, zogen die ersten Familien in die DDR. In
den nächsten Jahren intensivierte sich die Aussiedlung. Einige wenige
Familien verschlug es nach Österreich und die USA. Den Großteil
aber zog es in die BRD. Der erste große Ballungsort der Warjascher
wurde Waldkraiburg. Es folgten Landshut und Augsburg. In Augsburg leben
heute die meisten Warjascher. Die Mehrheit der Warjascher zog es nach Bayern.
Neben den drei Ballungsorten sind sie von Aschaffenburg, Würzburg,
Schweinfurt und Bamberg über Regensburg, Passau und Traunreut im ganzen
Land verstreut. Auch in Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen,
Niedersachsen und Berlin sind Warjascher zu finden.
Die letzte große Übersiedlungswelle
fand bereits Anfang der 80er Jahre statt. Als die Ära Ceausescu zu
Ende ging, waren nur noch ca. 1000 Deutsche in Warjasch. Heute leben nur
noch ca. 10 einzelne Personen in der alten Heimat. In die BRD zogen etwa
1800 Warjascher um. Alle sind voll in der neuen Heimat integriert. Fast
alle sind Haus- oder Wohnungsbesitzer.
Die HOG Warjasch wurde im
September 1972 in Waldkraiburg gegründet. Anwesend waren 340 Warjascher.
Als erster Vorsteher wurde Jakob Burger gewählt. Im Jahre 1975 fand
das erste große Heimatstreffen in Waldkraiburg statt. Als Nachfolger
von Jakob Burger wurde Michael Kampf aus Landshut gewählt. Die HOG-Treffen
finden nach dem Rotationsprinzip jährlich statt. Man gedenkt den Toten
und spricht über die vergangene Zeit in der alten Heimat. Ein Gedenkstein
an Warjasch steht am Donauufer in Ulm, in der Nähe der Donauhalle
in Messepark.
Über Warjasch wurde
schon einiges geschrieben. Ein detailliertes Werk wurde von Dr. Eugen Karl
Reb verfasst. Dieses wurde aber leider nur stückweise publiziert.
Es diente als Dokumentation für viele andere Werke. “Warjasch, ein
Heimatbuch” von Prof. Nikolaus Engelmann erschien im Jahre 1980. Zwei Festschriften
in Buchformat anlässlich der zweiten Geburt von Warjasch im Jahre
1986 wurde von OstR. Hans Tittenhofer und von Prof. Nikolaus Engelmann
geschrieben. Ein zweites Buch mit dem Titel “Der Michel”, eine Doftgeschichte
die sich in Warjasch abspielte, von Prof. Dr. Hans Müller ist in Deutschland
käuflich. Unser Heimatbuch von 1980 ist unvollständig. Es endet
mit der vollständigen Enteignung und der Zwangsübersiedlung in
den Baragan. Es fehlen 45 - 50 Jahre: Warjasch unter der Kommunisten-Herrschaft
bis zur totalen Aussiedlung.
Hans Müller,
Würzburg